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24. Klinik- und 16. TBT-Vertreter*innen-Treffen der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. in der Habichtswald-Klinik

(Wuppertal, 21. März 2023) Endlich wieder in der Habichtswald-Klinik! Tinnitus-Expertinnen und -Experten aus dem stationären und ambulanten Bereich trafen sich auf Einladung der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. (DTL) am 18. März 2023 in der Habichtswald-Klinik in Kassel-Bad Wilhelmshöhe. Nach Pandemie-bedingter Pause konnte die Veranstaltung erstmals seit 2020 wieder stattfinden und dementsprechend groß war auch die Wiedersehensfreude. Zum 24. Klinik- und 16. TBT-Vertreter*innen-Treffen kamen zahlreiche Fachleute aus Tinnitus-Kliniken und ambulanten Tinnitus-Zentren, HNO-Ärzte, Psychotherapeuten und Hörakustiker, um über Behandlungsmöglichkeiten bei Ohrgeräuschen zu diskutieren.

Im Namen der Habichtswald-Klinik begrüßte der Kasseler HNO-Arzt Lutz-Michael Schäfer die Anwesenden und verwies auf die jahrzehntelange Tradition der Veranstaltung in seinem Hause. Bernd Strohschein stellte sich als neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. vor und dankte der Habichtswald-Klinik sehr herzlich dafür, dass sie auch in diesem Jahr wieder ihre Räumlichkeiten für das Treffen zur Verfügung stellte. Angesichts der Flut an Werbung im Internet für häufig unwirksame Behandlungsmethoden bei Tinnitus sagte er: „Wir müssen für seriöse Therapieangebote Überzeugungsarbeit leisten.“ Diesbezüglich betonte auch Prof. Dr. Gerhard Goebel, ehemaliger stellvertretender DTL Vorstandsvorsitzender und Moderator der Veranstaltung: „Selbsthilfe ist wirksam. In der S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, die Handlungsempfehlungen für die Behandlung von Ohrgeräuschen gibt, wird die Teilnahme an Selbsthilfegruppen empfohlen.“

Über „Die psychischen Folgen von Corona – Was wissen wir über Long Covid?“ sprach Dr. Frank Matthias Rudolph, Ärztlicher Direktor der Mittelrhein-Klinik der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz. Das Coronavirus sei ein Multiorganvirus und ein „Chamäleon“, entsprechend vielfältig seien auch die Symptome der körperlichen und seelischen Folgen. Der Gutenberg COVID-19-Studie mit mehr als 10.000 Teilnehmenden zufolge erlangten 30 Prozent der Corona-Erkrankten ihre ursprüngliche Leistungsfähigkeit nicht wieder, knapp 15 Prozent fühlten sich im Alltag eingeschränkt. Aber auch 40 Prozent der befragten Personen ohne Corona-Infektion zeigten Long-Covid-artige Symptome, denn viele Menschen seien durch die Pandemie in finanzieller Hinsicht existenziell bedroht, litten unter den Folgen der Isolation und Traumafolgestörungen. Die Mittelrhein-Klinik bietet eine Post-Covid-Reha an.

Im Anschluss daran referierte Dagmar Beyrau, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberärztin der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse in Bad Arolsen, zum Thema „Psychopharmaka bei Leiden an Tinnitus – wenn ja, warum und welche?“. Mit einem dekompensierten Tinnitus mit erheblicher psychischer Belastung gehen häufig Depressionen und Angststörungen, verminderte Konzentrationsfähigkeit sowie der Verlust von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl einher. Die Referentin betonte, dass Antidepressiva diese psychischen Begleiterkrankungen behandelten, jedoch kein Medikament gegen den Tinnitus selbst seien. Dagmar Beyrau zufolge sei insbesondere die Aufklärung über die seelischen Leiden sowie auch über die Psychopharmaka wichtig. Viele Patientinnen und Patienten seien durch Meldungen verunsichert, dass Antidepressiva den Tinnitus verschlimmern könnten. Dazu sagte Beyrau, dass es zwar sein könne, dass sich durch Antidepressiva die Tinnitus-Wahrnehmung verändere und sich der Tinnitus möglicherweise vorübergehend verstärke, dies aber ein Zeichen dafür sei, dass das Medikament im Gehirn anfange zu wirken. „Je besser ich die Menschen aufkläre, desto besser ist die Compliance, also die Therapietreue“, so Beyrau. Eine kombinierte Behandlung aus Psychotherapie und einem Antidepressivum wirke bei einem dekompensierten Tinnitus am besten.

Dr. Ingmar Seiwerth, Universitätsklinikum Halle (Saale), Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, sprach über die „Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit der HOchDOsis-GlukoKORTikoid-Therapie beim akuten, idiopathischen, sensorineuralen Hörverlust (HODOKORT)“. Der stellvertretende Prüfer der HODOKORT Studie stellte erste Ergebnisse zur Wirkung bei Hörsturz unter Berücksichtigung des Tinnitus vor.

Der eingangs erwähnten S3-Leitlinie widmete sich Dr. Georgios Kastellis, Chefarzt der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse. Er sprach über „Evidenz in der Tinnitus-Therapie: Sinnvolles und Sinnloses auf der Basis der aktualisierten S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus in Deutschland“ und erläuterte, welche Behandlungsmethoden in der Leitlinie empfohlen werden und welche nicht. Da es keine Monotherapien bei Tinnitus gebe, sei es schwierig, in Studien alle Therapiemöglichkeiten zu trennen. „An erster Stelle steht die Aufklärung, das sogenannte Counseling“, sagte Dr. Kastellis. Die Diagnostik zu erklären sei wichtig, und außerdem sei die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) wirksam. Bei Hörgeräten hätten die Studien leider eine mäßige Evidenz, trotzdem werde in Übersichten eine Wirksamkeit der Hörgeräteversorgung von Tinnitus-Betroffenen mit Schwerhörigkeit allgemein bestätigt. In den Therapieempfehlungen für den chronischen Tinnitus werde auch erwähnt, dass Antidepressiva wirksam in der Behandlung psychischer Komorbiditäten seien, nicht gegen den Tinnitus an sich. Im Anschluss an die Vorträge gab es angeregte Diskussionen.

Am Nachmittag standen drei Workshops zur Auswahl. Workshop 1, „Yogatherapie bei Tinnitus“, richtete die Fachärztin für Neurologie sowie Rehabilitationswesen und Yogatherapeutin Dr. Anja Bilsing aus, die in eigener Praxis in Kastellaun sowie in der Mittelrhein-Klinik in Bad Salzig tätig ist. Dr. Helmut Schaaf, Leitender Oberarzt der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse, gab in Workshop 2 ein „Update Morbus Menière“. Die Erkrankung zeichnet sich aus durch einen Attackenschwindel, Hörverlust und einen tieffrequenten Tinnitus. „Das Trio-Gesetz – (R)Evolution in der Deutschen Reha-Szene: Was ändert sich ab Sommer 2023 für die Reha-Kliniken?“ war Thema von Workshop 3, den Dr. Frank Matthias Rudolph aus der Mittelrhein-Klinik leitete.

Über die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL)

Die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL) vertritt als gemeinnützige Selbsthilfeorganisation die Interessen der Patientinnen und Patienten mit Tinnitus, Hörsturz, Hyperakusis und Morbus Menière sowie ihrer Angehörigen. Rund 11.000 Mitglieder machen die DTL zum größten Tinnitus-Zusammenschluss in Europa und zur anerkannten Partnerin des Gesundheitswesens in Deutschland. Ca. 500 Fachleute gehören der DTL als fördernde Mitglieder an, darunter renommierte Wissenschaftler, HNO-Ärzte, Ärzte weiterer Disziplinen, Hörakustiker, Psychologen und Therapeuten. Außerdem werden rund 65 Selbsthilfegruppen in Deutschland durch die DTL betreut. Gegründet wurde die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. 1986 in Wuppertal.

Pressekontakt:

Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL)
Sabine Wagner
Tel.: 0202 24652-24
E-Mail: s.wagner@tinnitus-liga.de

Die Teilnehmenden des 24. Klinik- und 16. TBT-Vertreter*innen-Treffens der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. vor der Habichtswald-Klinik in Kassel-Bad Wilhelmshöhe. Foto: Sabine Wagner, DTL.
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Veröffentlicht: 21.03.2023
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